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Bedeutung der Schlesischen Trachtenmütter - Vortrag 18.10.2004 Haus Schlesien; Seminar für Frauenreferentinnen

Einleitung
Entstehung der schlesischen Tracht
Trachtengruppen vor dem Kriege
Neuanfang nach 1945
Lebensbilder und Leistungen einzelner Trachtenmütter
Nach 50 Jahren
Zusammenfassung
Quellen


Einleitung
Die Ausgabe 10/2004 von „SCHLESIEN HEUTE“ zeigt die „Riesengebirgstrachtler vom Schlesier-Verein Rübezahl“ aus Berlin und daneben Rübezahls Waldgeister.Für die jungen Mädchen aus Krummhübel war es sicher ein Riesenspaß. Die Veranstalter der musikalischen Rübezahl -Geschichte wollten unbedingt bei der Aufführung die alten authentischen Trachten des Riesengebirges zeigen,die über 60 Jahre in ihrer Echtheit von den Trachtenmüttern bewahrt wurde.
Trachtenmütter sind Schlesierinnen (auch eingeheiratete), denen es ein Anliegen ist, das Volksgut und Wissen über die reiche Kultur Schlesiens zu sammeln, bewahren und lebendig zu erhalten. Ihre Wurzeln sind in der Heimat Schlesien, und dies bekennen sie mit Ihrer Tracht, die sie geerbt oder selbst erarbeitet haben.Doch auch das Brauchtum und die Tradition sind ihnen wichtig, und sie pflegen sie in den Kindergruppen, die Ihnen anvertraut sind. So vermitteln sie Wissen über die Geschichte und Kultur vom Heimatland der Eltern. Beim Tanzen, Singen und bei Auftritten achten sie auf soziales Miteinander, das beim fröhlichen Feiern nach gelungenen Aufführungen gefestigt wird. Für die Jugendlichen sind Besuche bei Heimattreffen, Reisen nach Schlesien und die Teilnahme an der Europeade, die es ohne Trachtenmütter nicht gäbe, besondere Höhepunkte. Doch leider werden die Gruppen immer kleiner, weil der Nachwuchs fehlt, und nach 20, ja über 30 Jahren die Kräfte nachlassen. Dennoch helfen die Trachtenmütter mit Rat und Tat bei neugegründeten Trachtengruppen z.B.in Schlesien und organisieren Ausstellungen für Heimattreffen und Weihnachtsmärkte.
Für die Bewahrung landsmannschaftlicher Identität forderte Otto K r a g l e r (Vorsitzender des Deutschen Trachtenverbandes) , daß „ jeder seine Eigenart haben, bewahren und auch zeigen soll, und er erinnerte an die Vereine, die aus ganz Deutschland in der ganzen Welt ihre Auslandsvereine gründeten. Sie sind gute Bürger des neuen Landes geworden und haben dennoch nicht vergessen , wo sie herkamen“. Jährlich wird in Washington die „Steuben-Parade“ mit deutschen Trachten abgehalten. In Hamburg gründeten junge schlesische Handwerker den „Verein der Schlesier in Hamburg-Harburg von 1903 e.V) und in Berlin besteht der „Schlesier-Verein Rübezahl“ seit 1926.

Entstehung der Schlesischen Tracht
Die Entstehung der Schlesischen Tracht greift auf eine 800jährige Vergangenheit zurück. Mit der friedlichen Besiedlung Schlesiens brachten die Bauern und Handwerker ihre Sitten,Gebräuche und Trachten mit; sie kamen aus Bayern, Niedersachsen, Hessen, Thüringen, Franken, Schwaben und anderen Landschaften . So wurde von einem Trachtenforscher große Ähnlichkeit bei der Tracht aus Mainfranken(Hummelbauern) mit der des Riesengebirges festgestellt.
Zwar paßten sich die Kleidungsstücke den Gegebenheiten der Landschaft an. Selbstgewebte Stoffe aus Wolle und Leinen waren für Kleider, Röcke, Mieder, Spenzer, Hemden, Tücher, Schürzen und für die Männer Westen und Joppen für Jahrzehnte geschaffen, besonders die kunstvolle reiche Stickerei des Weißzeugs im Hirschberger Tal und Riesengebirge. Das Kostbarste waren die Hauben: Zitat:“Eine wohlhabende Bauerstochter aus Pilgramsdorf (Bober-Katzbach geb.) erhielt noch bis in die Mitte des 19.Jhds.als Ausstattung: eine kostbare „Guldkoppe“ oft von echtem Brokat, eine Silberkappe,- diese beiden für Hochzeiten,Taufen u.sonstige Festage-, eine Schmelzkappe zurTrauerbekleidung und 5 -7 „Buaortkoppn“ zum Sonntag sowie ebensoviele „Bändrkoppn“ zum täglichen Gebrauch. Mit dieser Mandel (15) Kappen sah die junge Frau einem sittsamen, geregelten, geordneten Lebensweg vor sich,und wie Schutzengelflügel flatterten die Bänder der Kappen ums Haupt - ein jedes zu seiner Zeit“. (Zitatende, Hermann Bousset 1925) Eine alte Bäuerin am Kolbenkamm (Karlstal) faßte Stolz und Würde in die knappen Worte: „Bauerntracht ist teure Tracht“, als sie dem Trachtenforscher Erich Meyer-Heisig die granatenbesetzte Silberhaube ihres Brautstaates zeigte, diese hatte 1870 ca.100 Thaler gekostet. Eine lebendige Volkstracht gliedert die Gemeinschaft der Träger nach den natürlichen Gruppen der Alters- und Lebensstufen: Kinder, Mädchen, Burschen, Verheiratete und Verwitwete haben eigene Farben und Kopfputz und besonders festlich gehen sie zu kirchlichen und weltlichen Feiertagen.
Günther Grundmann unterscheidet die Schlesische Tracht in drei Gebiete: die deutsch-schlesische Tracht, die deutsch-oberschlesische und die wendisch-lausitzsche Tracht. Innerhalb dieser großen Artgebiete teilen sich Gruppen ein, die von den zahlreichen landschaftlichen Verschiedenheiten geprägt und vor allem in der Festtracht auch vom Religionsbekenntnis abhängig sind.Die betonte Farbigkeit nimmt nach den Randgebieten der wendischen und oberschlesischen Sprachräume zu. Die deutsch-schlesischeTracht ist von einfachem Schnitt mit gedeckten Farben. Im Gegensatz dazu hat sie eine reiche Vielfalt der Hauben, die zur Sudetengrenze böhmischen Einfluß erkennen lassen. Typisch ist das Brusttuch aus Seide, Leinen oder ein buntgeblümtes Wolltuch, das über dem Samtmieder unter dem Spenzer getragen wurde, während die weißgestickte Spitzenfestschürze allen gemeinsam war; sie wurde nur zu besonderen Anlässen getragen, sonst hatte man Seidenschürzen. Kinder trugen Waschtrachten aus bunten Baumwollstoffen.

Trachtengruppen vor dem Kriege
Mit der Industralisierung und Abwanderung der jungen Leute in die Städte, verschwanden die kostbaren Trachten in den Truhen der Großmütter, die noch um den Wert der Erbstücke und kostbaren Handarbeit wußten. 1883 wurde die wertvolle Thielau’sche Haubensammlung aus der Frankensteiner Gegend dem Museum übereignet.(Forschungsarbeit v.Meyer-Heisig) Verschiedene Volkskundler beschrieben die Trachten und erreichten eine Wiederbelebung des Trachtenwesens, das mit der Erhaltung heimatlichen Brauchtums der Volkstumspflege angegliedert wurde. Sehr aktiv war die Urgroßmutter von Barbara Streblow, Barbara Feist,geb. Erlebach (1847- 1937) Sie gründete Spinnstuben in der Erlebach Baude, Oberschreiberhau und Cunnersdorf. Die Kiesewälder Spinnstube kündigte 1914 ihre Theateraufführung : „Das Spinnstubenspiel“ an, und Agnetendorf hatte die „Ruckagänger“.
Es gibt noch schöne Beschreibungen von den Spinnstuben und „Lichtagängern“ in den Riesengebirgsdörfern: Nach Weihnachten traf man sich reihum zum gemeinsamen Spinnen. Wenn die Großmutter dann erzählte vom wilden Jäger, den Busch-und Moosweiblein, dem Mann ohne Kopf, den Graumännlein und all den Sagen, herrschte gespannte Stille, und Furcht und Zittern ergriff die abergläubischen Gebirgsbewohner.Kein Wunder, daß alle entsetzt auffuhren, wenn es plötzlich an Tüt und Fensterläden polterte. Dann kamen die Burschen und trieben ihren Schabernack.Schließlich wurde fröhlich gesungen und getanzt. Zu Kirchenfesten, Erntedank, Kirmes und den Trachtenumzügen wurden wieder Trachten getragen, das zog auch die Sommerfrischler und Touristen an. Die alten Bilder der Trachtengruppen aus Schreiberhau, Cunnersdorf, Agnetendorf, Krummhübel u.Herischdorf zeigen den vielfältigen Reichtum und die würdigen Trachtenträgerinnen in aufrechter Haltung.Sie sind gehalten von Lebensordnung und Pflege guter alter Sitten. Ein Erbstück war selbstgeschaffenes Wertgut und Familiengeschichte.Mit dem Fremdenverkehr nahmen auch die Trachtengruppen der Gebirgsdörfer zu. -- Schließlich gab es in den 30er Jahren auf höhere Anweisung, das Bestreben, für die Landjugend eine Einheitstracht einzuführen. (Jungbauernschaft Schmiedeberg) Aber die Schlesier hatten ja ihre wertvollen Trachten in den Truhen und blieben der Tradition treu. So pflegte in Hirschberg Barbara Feist,die Trachtenmuttel des Riesengebirges, noch im hohen Alter selbst die Trachten für die Riesengebirgswoche. Das hieß, sie paßte jedem der großen Familie die Trachtenteile genau auf die entsprechenden Körpergrößen an und bügelte mit einem eisernen Bolzen, der in die Glut des Kachelherdes gelegt werden mußte, bis er die richtige Bügeltemperatur hatte, die vielen ( 3 bis 9!) Leinenunterröcke und die gestickten Tücher und Schürzen aus Hirschberger Schleierleinen. 1934 erhielt ihre Hirschberger Trachtengruppe beim Deutschen Trachtentreffen in Ludwigshafen „in Würdigung ihrer Vielfalt und Echtheit“ den ersten Preis.(Bild vom Pokalgewinn, Archiv Erlebach/Preuß).
Wieviele Trachtenmütter kümmerten sich auch aufopferungsvoll um die Pflege der Trachten ihrer Gruppen, die wir auf den Bildern gesehen haben; ihre Namen gingen verloren, weil sie niemand aufgeschrieben hat. Durch Zufall entdeckte ich in dem Juniheft der „Schlesischen Bergwacht“ von 1991 einen Bericht über das Schreiberhauer Trachtenfest, das Bürgermeister Rohrkamp mit seiner Frau -beide in schlesischer Tracht- ausgerichtet hatte. Ich zitiere Else Sack aus Berlin: „Sie waren mit dem Schneidermeisterpaar Paul und Frieda Torke sehr befreundet, da die beiden die Trachten anfertigten und für die Schreiberhauer Trachtengruppe zuständig waren....Unsre Tante Frieda gab uns Kindern meist auch a Stickel Streeßelkucha und a Tippla Koffee“.(Zitatende)
Frau Torke spielte nach dem Kriege noch eine besondere Rolle als Trachtenmutter, weil sie Trachtenschnitte sowie Muster für die Stickerei nach Hameln retten konnte.
Trachtenschulze in Agnetendorf war seit1926 Paul Enge. Er wurde nach hartem Schicksal zu Kriegsende nach München verschlagen, wo er 66jährig mit seiner Frau, Pauline, 1951 noch die „Riesengebirgs-Trachtengruppe München“ aufbaute.

Neuanfang nach 1945
Mit dem Kriegsende, auf der Flucht und während der Vertreibung aus der Heimat ging es ums bloße Überleben, für das nur das Wichtigste eingepackt werden konnte. Wie oft wurde auch das noch geraubt. Man hoffte ja auch auf baldige Rückkehr. Da war es ein Glücksfall, wenn das wertvoll gestickte Weißzeug der Großmutter im Schultornister der Enkelin erhalten blieb.
Tausende Mütter wurden aus Schlesien über die trostlose, grauenvolle „Straße der Mütter“ getrieben, wie sie Erle Bach in Ihrem Buch „Matka mit den bloßen Füßen“ beschrieben hat. Diese Mütter hatten nicht mehr als ihre kleinen Kinder -das Kostbarste-, denen sie im Westen eine neue Zukunft aufbauen wollten. Als Kinder empfanden wir damals die Not nicht, wenn Mutter nur da war. Erst später begriffen wir, daß sie für uns gehungert hatte. Unsere Mütter waren sehr erfinderisch und arbeiteten bis tief in die Nächte.
Als das Notwendigste geschaffen war, fanden sie sich mit Landsleuten zum Austausch zusammen, um ihren Kindern das verlorengegangene Volksgut vermitteln zu können. Es wurde gebastelt, gesungen und Gedichte gelernt. War die Gruppe groß genug, ging man auf Freizeiten in Jugendherbergen zum Wandern, Singen und Volkstanz. „Zum Tanzen brauchten die Kinder aber Kleider. Die wurden quasi aus dem Nichts geschaffen! Es wurden Stoffe organisiert und Trachtenschnitte gesucht. Aus Bettlaken entstanden die ersten Schürzen, Tücher und Häubchen“, erzählte mir Lidwina Bauer.
Die Trachtenschneiderin, Frau Elfriede Torke, (14.9.1900 - 18.4.84), deren Mann, Paul (4.5.1898 - 6.4.1973) Trachtenschulze in Schreiberhau war, hatte alte Schnitt- und Stickmuster von Tüchern und Schürzen gerettet. In Ohr bei Hameln baute das Ehepaar seine Maß- und Trachtenschneiderei und eine Trachtengruppe wieder auf. Dort holten sich die Mütter Rat und schneiderten auch für sich eine Schlesische Tracht nach Vorbildern aus dem Riesengebirge. Frau Torke hatte auch noch Stickerinnen, die aber für die vielen neu entstehenden Trachtengruppen bei den Schürzen, Tüchern und den Waschhäubchen im Weißstickereimuster die ausgeschnittenen Blüten und die Bogenränder mit Baumwolltüll eines Brautschleiers unterlegten, weil das Tüllsticken zu zeitaufwändig war. Eine Briefkopie von Paul Torke enthält ein Angebot für die Anfertigung von Trachtenteilen, datiert am 19.Sept.1954. Zitat: „ ....Tuch 22,50 , Schürze 45,- komplett, Waschhaube 9,- weiße handgestickte Haube 15,- Kronen- oder Tressenhaube für ältere Frauen 20,- bis 25,- DM. Sie müßten uns dann mitteilen, welche Form Sie wünschen....jetzt werden Kleider aus Kreton ca: 4o,- oder Seide ca. 60,- getragen und oft von uns angefertigt, fertigen auch Burschen- und Männertrachten an. Hoffend von Ihnen wieder zu hören, sind wir mit heimatlichen Grüßen Ihr Paul Torke und Frau.“ Zitatende. Wievielen „werdenden Trachtenmüttern“ das Ehepaar Torke mit ihrem Rat , den Schnittmustern und den 12 geretteten Stickmusterzeichnungen während der Trachtenkurse im „Heiligenhof“ und an anderen Treffpunkten geholfen hat, ist nicht mehr festzustellen. Für alle Teilnehmerinnen fand ein reger Austausch von Erfahrungen und Anregung durch gerettete Bilder und Trachtenteile statt. Besonders wertvoll war das Wissen der älteren Schlesierinnen, denn sie konnten noch die Technik des Nadeltülls zeigen, als die 20 Meter Brautschleier, verbraucht waren, die Lidwina Bauer von ihrem „Marktgeld“ für die Stickerinnen besorgt hatte.
Barbara Streblow mußte mit 7 Jahren, „nach dem Willen ihrer Urgroßmutter, als Hirschberger Trachtenputzel die schwierige Kunst des Trachtenstickens erlernen.Ihre strengen Lehrmeisterinnen waren Mutter Selma Pilz und Tochter Ella in der Bergstraße, die beide richtungsweisend in der Hirschberger Trachtengruppe waren“ Die Stickerin von Frau Torke, Dorchen Pleschke, wurde von Ute Einsporn bedrängt, ihr doch noch die fast vergessene Technik der „Netzgründe“ zu zeigen. Auch Martel Ebert und Charlotte Wendt brachten.ihr Wissen ein.
Mit großer Ausdauer und Geduld tüftelten Gerda Benz und Magda Gloger nach alten originalgestickten Tüchern die verschiedenen Muster des Nadeltülls aus und gaben ihre Kunst in Seminaren weiter.
1953 erschien ein „Trachtenheft der Landsmannschaft Schlesien“, bearbeitet von dem Bundestrachtenreferenten, Prof. Dr. W. STELLER, der bereits 1938 „Schlesische Volkstrachten“ 1.Teil herausgegeben hatte. Dieses Heft enthält etliche Fotografien von der „Trachtengruppe Ohr“, also unter Mitarbeit des Ehepaars Torke.
1977 veröffentlichte Barbara STREBLOW (5.11.1929-27.5.1996) den Aufsatz „Die Mutter des Riesengebirges“ in der Vierteljahresschrift „Schlesien“Heft II mit der Geschichte ihrer Urahne, Trachten- und Brauchtumsbeschreibung . Als Schriftstellerin gab sie unter dem Namen ERLE BACH viele Bücher über ihre Schlesische Heimat heraus, u.a. 1984 in den Blättern zur Kulturarbeit 31/32 der DJO das Heft :“SchlesischeTrachtenhauben - von „Schnurrgucke u.Pelzkomode“ unter Mitarbeit von Gerda BENZ , Ernestine DRESCHER und anderen.
1977 gründete Edith Harbarth (aus Gleiwitz) mit Herrn Müller Kox u.a. die „Arbeitsgemeinschaft schlesischer Trachtengruppen“, die sie bis zum Jahre 2000 leitete und in der sie viele Kurse gab.
1991 beschrieb Edeltraud GNIESEWITZ (aus Breslau) „Niederschlesische Hauben“ mit Anfertigungsanleitung und 1993 „Niederschlesische Trachten“ in zwei Mappen, „die dazu dienen sollen unsere schönen niederschlesischen Hauben und Trachten in ihrem Original zu erhalten“. Nach der Berliner Blockade war sie für Jahrzehnte von den westdeutschen Trachtengruppen abgeschnitten, bis sie endlich Gerda Benz in Nürnberg treffen konnte.

Lebensbilder und Leistungen einzelner Trachtenmütter
Da dieser Teil die Länge des Vortrags überschreitet, nenne ich zum Beispiel :
Gerda BENZ aus Kamin (geb.Scholz 6.10.1919-10.10.1999). Sie kam nach der Flucht und Vertreibung mit ihren kleinen Kindern nach Herne, dem Heimatort ihres Mannes, der in Neuguth (Öls) Lehrer war, wo auch sie unterrichtet hatte.
1954 bat ihr Vater sie, ihm bei Heimatabenden der Schlesier mit Rezitationen von Eichendorff-Gedichten und ihrer Neiderländischen und niederschlesischen Mundart zu helfen. Bereits ab 1957 leitete Frau Benz die Kindergruppe und eine Jugendgruppe der Schlesischen Landsmannschaft in Herne, die sie innerhalb von knapp 2 Jahren mit schlesischen Trachten eingekleidet hatte. Die schlesische Kindergruppe aus Herne wurde durch die Sendung des ZDF 1971 „Weihnachten in Schlesien“ mit Prof. Wilhem Menzel weit bekannt. Von den Zuschauern erhielt Frau Benz weitere Informationen über schlesisches Weihnachtsbrauchtum z.B. für das Basteln von Nußkrippeln. Auch erfragte sie das Aussehen der 26 verschiedenen Lätarestecken von alten Bewohnern der einzelnen Gegenden und sammelte typische Muster Ostdeutscher Stickerei, die sie selbst ausführte. All dies beschrieb sie in kleinen Arbeitsheften und vielen Beiträgen für die Arbeitsblätter der DJO, so wie auch die 110 Volkstänze und das Brauchtum zu Lätare („Die goldne Schnur“) in „14 Feste im Jahreskreis“. Ihr letztes Büchlein heißt: „Von Schweinevesper u. Lachranfteln - Kleine Kulturgeschichte der schlesischen Guttschmecke“, Husum (1998)
Besonders widmete sich Gerda Benz den alten schlesischen Trachten, die sie vor Ort in den noch existierenden Museen aufsuchte und mit den polnischen Museumsleiterinnen ihre Kenntnisse austauschte. Auch in Oberschlesien gab sie Trachtenkurse und zeigte die Schönwälder- und Hirschberger Stickerei. So lernten die in Schlesien gebliebenen Schlesierinnen wieder die Sticktechnik ihrer Großmütter.Bei den Schlesiertreffen in Hannover und Nürnberg beriet sie unermüdlich vor ihrem Stand mit den vielfältigen Auslagen und Anregungen. Für ihr Engagement bei Austellungen, Vorträgen u. für die Herner Heimatstube erhielt Gerda Benz 1997 den Schlesierschild. So vieles wollte Gerda Benz von ihrer Trachtenforschung noch aufschreiben. Es war ihr nicht mehr vergönnt.
Ihren vielseitigen reichen Aufzeichnungen verdanken die jungen Trachtenmütter das Wissen über das Brauchtum, wie es früher in Schlesien war.


„Nichts Höheres kann ein Volk vererben , als der Väter echten Brauch,
Wenn des Volkes Bräuche sterben, stirbt des Volkes Blüte auch“



Nach 50 Jahren
Wieviel neue schlesische Trachtengruppen blühten nach dem Kriege auf, um der Väter Brauch zu pflegen. Kennen wir noch alle Namen ihrer Trachtenmütter? Einige - die jüngste Trachtenmutter ist 37 Jahre - waren so freundlich, mir Fotos zu geben und von ihrem Leben u. ihrer Gruppe zu erzählen. Doch leider wird es immer schwieriger, Kinder und Eltern für schlesisches Brauchtum zu gewinnen, wenn - wie es oft beklagt wird - schon Großeltern kaum noch Interesse zeigen. Auch bleiben die Zuschüsse und Spenden aus, nicht aber die Mieterhöhung der Räume für die Gruppen zum Treffen und Arbeiten .
Doch die heimattreuen Trachtenmütter kamen auf die Idee, Trachten für Puppen zu nähen, damit die schöne schlesische Tracht und ihre kostbare Stickerei in Erinnerung gehalten werden soll. So schufen Charlotte Westermann aus Krummhübel, jetzt Hamburg und Ute Einsporn aus Jauer, seit 36 Jahren Leiterin der „Rübezahlkinder“ in Lage zur Finanzierung ihrer Gruppenarbeit, hunderte von Trachtenpuppen. Die einzigartige Hirschberger Stickerei wird auch noch von Frau Dorothea Fiedel für Frauentrachten gezeigt. Sie betreut den „fröhlichen Kreis, Bergisch-Gladbach“ und die „Brückenberger Trachtengruppe Bonn“ mit Sticken und Ändern . Taufkleider für die Enkel, Geschenke wie Taschentücher oder Duftbeutel mit der schlesischen Stickerei lassen nach der Herkunft fragen. Auch gestickte Decken, Kissen, werden bei Heimattreffen und auf Weihnachtsmärkten neben schlesischem Adventsschmuck, Rezepten, Backwerk, Mundartgedichten und Lätarestecken angeboten, solange die Kräfte reichen.
Am schönsten aber ist es, wenn Kinder in den Trachten singen und tanzen, wie auf den Bildern die Kindergruppe von Lidwina Bauer in Moers 1988 zum Erntedankfest, die Riesengebirgs Trachten Gruppe mit Michaela Klingberg und Michaela Pinnau beim Lätaresingen 2003 in München und von den Tagen der Ostdeutschen Jugendkulturarbeit 2003 mit Christa Samija und Brigitte Rodzinka. Diese Auftritte bereiten sehr viel Freude denen, die ihre Wurzeln nicht vergessen wollen.
Deshalb gilt ein herzlicher und großer Dank den schlesischen Trachtenmüttern, die aus den Quellen der Heimat schöpfen und in ihrem selbstlosen Idealismus den kulturellen Schatz pflegen und weiterreichen.


Zusammenfassung
Trachtenmütter sind Schlesierinnen (auch eingeheiratete) , denen es ein Anliegen ist, das Volksgut und Wissen über die reiche Kultur Schlesiens zu sammeln, bewahren und lebendig zu erhalten. Ihre Wurzeln sind in der Heimat Schlesien, und dies bekennen sie mit ihrer Tracht. Für die Pflege von Tradition und Brauchtum, arbeiten sie ehrenamtlich mit Kinder- und Tanzgruppen, nähen und sticken die Trachten, organisieren die Reisen für die Trachtengruppe zu den Auftritten, achten auf korrektes Aussehen und ein gutes Miteinander und gestalten die Feste im Jahreskreis, für die gebastelt wird und die Lieder aus der Heimat eingeübt werden. Auf Austellungen präsentieren die Trachtenmütter schlesische Volkskunst und Spezialitäten.Dabei freuen sie sich über neue Kontakte mit Schlesiern, die auf Spurensuche ihrer Herkunft sind.
Der Vortrag zeigt die Trachten des Riesengebirges, alte Trachtengruppen und Brauchtum, den Neuanfang nach 1945, berichtet von Gerda Benz und versucht die Situation nach nach 50 Jahren zuerfassen.

Quellenangabe

Auskünfte u.Bilder der Trachtenmütter und Jubiläumsschriften der Vereine
BOUSSET, Herrmann: „Die Trachten der schlesischen Berge“ in: Das Riesen- und Iser-Gebirge, Ein Heimatbuch v.W.MÜLLER-RÜDERSDORF (1925)
KUJAU; H. , Berlin „Die schlesische Tracht“ Vortrag z.80 Jahrf. RGV (1960)
GRUNDMANN, Günther: „Die Volkskunst“, in: Die Kunst in Schlesien(1927)
MEYER-HEISIG, Erich: „Formen und Verbreitung der schlesischen Hauben“ in:die Hohe Straße, Schlesische Jahrbücher für deutsche Art und Kunst. Bd.1
Herausgegeben von Gustav BARTHEL (1938)
STREHBLOW, Barbara: „Die Mutter des Riesengebirges“ in: Schlesien Heft II (1977)




Elisabeth Bräuer
Mundraching, den 18.10.2004

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