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Schönwälder Buntstickerei

Schönwälder Buntstickerei

von Elisabeth Bräuer 15.5.2010

Blickfang dieser Internetseite (www.schlesische-handarbeit.de.) ist ein kunstvoll gesticktes farbenprächtiges Kinderhäubchen mit der weitbekannten Schönwälder Stickerei.

Geschichte: Schönwald war ein langgestrecktes Dorf umgeben von Wäldern, Wiesen und Feldern südöstlich von Gleiwitz O/S. Es wurde erstmals 1269 unter dem Namen „Scunewald“ erwähnt. Auf den Ruf der Zisterzienser Mönche von Rauden kamen Siedler aus Hessen, Franken und Thüringen. Sie brachten ihre Trachten mit und bewahrten über Jahrhunderte im Grenzgebiet ihre Bräuche und ihren „schwäldischen“ Dialekt.

Die Trachten wurden von Emil Günther Piecha in dem Buch „Schönwald, das stickende Dorf, - Vom Beginn bis zum Ende einer deutschen Ostsiedlung“ (1992, Laumann Verlag) beschrieben als Vermächtnis für Kinder und Enkel:
Die alte Männertracht mit niedrigem Tellerhut, den doppelten Reihen der Perlmuttknöpfe an der Weste, einer gekastelten (karierten) weinroten Jacke und langschaftigen Stiefeln hatte im Winter einen langen schwarzen Tuchmantel und eine Pelzkappe. Es gab auch eine Fuhrmannstracht, da die Männer für Handelsherren Transportfahrten bis nach Italien und Ungarn ausführten.

Typisch für die Frauentracht war das weiße hochgeschlossene Leinenhemd mit kurzen spitzenbesetzten, mit einer roten Schleife verzierten Puffärmeln, das Miederleibchen, das über der Brust quer mit Silberlitze oder rot-grünem Seidenband geschmückt ist, über einem langen schwarzen faltenreichen Tuchrock und
der buntgeblümten Seidenschürze mit passendem Band, dazu schwarze Strümpfe und Schuhe. Die kurze Sommerjacke (Flente) war mit schwarzen Samtstreifen am unteren Rand besetzt, während die langen Winterjacken (Faulenzer) der Frauen einen schwarzen breiten Spitzenbesatz hatten. Zur Erstkommunion bekamen die Mädchen ihre erste Tracht. Ein Umschlagtuch schützte vor Kälte und Regen.
Vor 1900 trugen die Frauen zur Kirchentracht über dem weißen Leinenhäubchen die „Kapiste“ mit gekräuselter Spitze und bestickten langen Seidenbändern, und darüber ein weißes spitzenbesetztes, steifgestärktes Dreieckstuch als „Glanzleinenhaube mit fein gesticktem Eckmuster und einem Kreuzchensteg mit löchrigem Saum“, dazu ein ein weißes „Lendentuch“, eine Art Stola. Während des Umbaues der Barock-Kirche in eine größere neugotische Kirche wurde die Tracht geändert: Schwarze Wollkopftücher der Alltagstracht wurden zuerst von Barbara Mieske (15.11.1860 – 19..?), genannt „Fnjiora Mieme“ mit einer „Kante“ von Blüten und Ranken entsprechend den Kirchenfarben der Sonntage „ausgenäht“ wie es auf schwäldisch hieß. Ursprünglich als Weißstickerin hatte sie feine Weißstickerei -ähnlich der hessischen Schwälmer Stickerei, auch mit feinen schwarzen Kreuzstichen auf die weißen Leinentücher gestickt. Früher wurden auch Bänder für die Schürzen und für die Brautkränze die blauen, roten und grünen Bänder (für Glaube, Liebe, Hoffnung) bestickt.

Die Germanistin und Volkskundlerin Dr. phil. Maria Bretschneider (1913-19..?) aus Oppeln untersuchte und beschrieb die oberschlesischen Volkstrachten. „Ihre Arbeit mit dem Titel >Schönwälder Frauen- und Männertrachten<, die vor Kriegsende druckreif vorlag, ging mit ihren unersetzlichen Bilddokumenten bei Kriegsende verloren“ (Zitat E.G.Piecha). Einige schwarz/weiß-Aufnahmen findet man in dessen Buch „Das stickende Dorf“. Farbaufnahmen sind im „Schönwald – Archiv“ von Reinhold Stangner jun. in Berlin gesammelt. Einige seiner Dokumente fanden im vorliegenden Artikel Verwendung.


Die Schönwälder Stickstube
Ein Zeitungsartikel vom 5. März 1923 „Bei den Schönwälder Stickerinnen“ berichtet von der Ausstellungseröffung der „Schönwälder Stickstube“ auf der Wilhelmstraße in Gleiwitz durch Frau Frieda Kaisig, die Seiden-, Gold- und Silberstickarbeiten präsentierte. Oberregierungsrat Harbig leitete die Veranstaltung und ehrte mit Geldpreisen die fleißigen Stickerinnen nach zwei Vorträgen über „Bäuerliches Kunstschaffen alter und neuer Zeit“ und „Eine Schönwälder Heimindustrie“. Frau Kaisig gab einen geschichtlichen Rückblick über Herkunft und Originalität der Stickerei, die eine Ausstellung von Mustern im Oberschlesier-Haus öffentlich zur Schau brachte. Es wurde eine GmbH und die Stickstube gegründet, die 52 Stickerinnen in vier Klassen beschäftigte und nach Leistung entlohnte.

Die Schönwälderinnen stickten nicht nur Blütenborten auf Kopftücher und Bänder, sondern auch Blusen, Kragen, Kinderkleidchen und Kinderhäubchen in der Form der Holländerhäubchen, die sehr beliebt waren. Es entstanden Gürtel, Beutel, Täschchen, Bucheinbände, Kissen, Decken und Wandbehänge mit den bunten Blüten des Gartens und der Blumenwiesen mit Blattranken, Getreideähren, zierlichen Käfern und Schmetterlingen.
Am 1. November 1934 berichtete eine Zeitungsseite. „Schönwälderinnen sticken für die Winterhilfe - 50 000 Stück Rosetten“. Winterhilfsabzeichen wurden verkauft, um kinderreichen Familien zu helfen, da noch immer große Arbeitslosigkeit herrschte. Die Stickerinnen, von denen keine eine Kunstgewerbeschule besucht hatte, schufen mit jeder Rosette ein kleines Unikat aus ihrem künstlerischen Empfinden, Farbensinn und ihrer Fantasie.

Über die Grenzen Oberschlesiens hinaus bekannt geworden, erhielten die Schönwälderinnen einen Großauftrag. Für das Oberschlesische Schauspieltheater der
Stadt Gleiwitz galt es einen Bühnenvorhang nach dem Entwurf der Berliner Künstlerin Frau Prof. Erna Hitzberger (18..-19..) zu sticken. Dieser Vorhang mit elf großen Blütenbäumen und Symbolen des Theaters wurde im Frühjahr 1944 mit der Wiedereröffungs-Vorstellung des Theaters präsentiert. Kriegsereignisse zerstörten im November tragischerweise den vielbewunderten Vorhang und auch die Pläne für eine weitere Beschäftigung der Stickerinnen.

Zum 60. Geburtstag von Frau Frieda Kaisig (1885-1981) am 9.2.1945 wollten die Schönwälder Mädchen vom Stickerinnenhof ein Geschenk machen: ein Ehrentuch zum Dank für die 25jährige Leitung. Das Tuch konnte auf der Flucht bei eisiger Kälte gerettet werden. Es wurde nach 50 Jahren der „Schönwald Sammlung“ übereignet und seitdem bei Wallfahrten und Schlesiertreffen als ein Andenken an die Schönwälder Stickstube mitgeführt.


Erhaltung der Schönwälder Volkskunst
In eine fremde Welt verschlagen, versuchten die Frauen und Mädchen wieder Fuß zu fassen. Die Erinnerung an gemeinsames Schaffen und die Kunstfreudigkeit sammelte die verstreuten Stickerinnen ab 1952 in einer neu gegründeten Stickstube in Bad Hersfeld und Frankfurt. Frl. Lene Zlotosch ergriff die Initiative, diese ostdeutsche Volkskunst aus Schönwald zu erhalten; und wieder wurden Deckchen Kissenbezüge, Kleidungsstücke, Gürtel, Täschchen und Wandbehänge bestickt mit Rosen, Pfingstrosen, Dahlien, Astern, Gänseblümchen, Vergißmeinnicht, wie sie in den Gärten blühten, umrankt von Blättern und Knospen.

Die Volkskundlerin Gerda Benz (1919-1999) aus Kamin bei Gurau sammelte als Handarbeitslehrerin die Sticktechniken und Muster ostdeutscher Volkskunst in dem Buch „Von der Ostsee bis zum Karpatenbogen“ (Kulturstube Herne, 1997). Sie erlernte die Schönwälder Buntstickerei und schenkte vielen Brautleuten ein kleines gesticktes Kissen für die Trauringe.

Im „Haus Schlesien“, der Bildungs- und Begegnungsstätte bei Königwinter, fanden unter der Leitung von Frau Magda Botschek Kurse für die Schönwälder Stickerei statt. Ute Einsporn verfaßte im März 1992 eine Beschreibung dieser Buntstickerei.


Vorbereitung und Technik der Schönwälder Stickerei
Material: schwarzer Wollstoff, Stickseide oder Anchor-Sticktwist, 6fädig, der halbiert wird, in den Farben: rot 46/47, grün 243/244, blau 131/132, violett 92/94, gelb 302, weiß 2, Heftgarn, Schneiderkreide und eine spitze Sticknadel.
Vorbereitung: Stoffrand umsäumen. Mit dem Heftfaden wird die Form und Breite der Borte markiert. Die Mitte der Röschen kennzeichnet ein gelber Faden. Mit einem Fingerhut, auf Schneiderkreide gerieben, wird ein Kreis um den gelben Punkt gedrückt und mit einem Faden des Stickgarns der vorgesehen Farbe umzogen, damit der Kreis nicht verwischt.(Arbeitshilfe von Gerda Benz).

Ausführung: Als erstes werden die Röschen gestickt. Für eine gleichmäßige Rundung empfiehlt G. Benz, zunächst in dem Kreis ein Kreuz zu sticken, danach werden die Achtel des Kreises markiert, und nun kann man die Rundungen schließen. Die Ranken näht man mit Stielstich und die Blättchen mit mit Plattstich aus freier Hand ohne Vorzeichnung aus. Bunte Punkte füllen die Lücken und beleben so die Borte.

Es gibt kein festes Muster. Jede Schönwälderin nähte ihr eigenes Muster ohne Vorzeichnung, und jedes Teil war ein Unikat.
Im Museum von „Haus Schlesien“ fand ich viele Beispiele für die Schönwälder Stickerei, die nicht nur in Deutschland ihre Liebhaber fand, sondern auch nach Amerika und andere Länder verkauft wurde.

Quellen:
BENZ, Gerda: „Von der Ostsee bis zum Karpatenbogen“ (1997)
BROSIG, Anne: „Schönwälder Stickerei“ Münchner Schlesierblatt Nr. 4 (2004)
EINSPORN, Ute: „Schönwälder Buntstickerei“ (1992)
PIECHA, Emil Günther „Schönwald, das stickende Dorf“ Laumann Verlag (1992)
SCHÖNWALD – ARCHIV Besonderer Dank an Reinhold Stangner jun. für Bild- und Informationsmaterial !

Elisabeth Bräuer 15.5.2010
Bilder-Downloads zum Artikel
- 00 Artikel Schönwälder Stickerei 15.5.2010
- 01_Schönwälder Kopftuch
- 02_Schönwälder Tracht um 1900
- 03_Fnjiora Mieme Barbara Miske Ausnäherin
- 04_Brautfrau
- 05_Brautfrau schmückt Braut
- 06_Mädchentracht
- 07_Marie Piecha geb. Grziwatsch stickt Kopftuch
- 08_Schönwälderinnen sticken Bühnenvorhang des Gleiwitzer Stadttheaters
- 09_Bühnenvorhang des Gleiwitzer Stadttheaters
- 10_Wandteppich Schönwälder Buntstickerei Hedwig Grenzer-Stangner
- 11_Schönwälder Trachtengruppe
- 12_Decke mit Borten
- 13_Beispiele alter Muster

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